Unfall am Kamel

erstellt am: 03.06.2014 | von: VooDoo | Kategorie(n): Allgemein

Am Sonntag gab es einen Unfall…

Mein Seilpartner und ich hatten uns am Ende eines schönen Klettertages in Lüerdissen entschieden, zum Abschluss noch ein mal das Kamel zu erobern. Um einen längeren, aber mit 5+ noch verträglich bewerteten Durchstieg zu erbringen, hatten wir uns für die Westkante entschieden, 28 Meter mit einem Zwischenstand auf dem Absatz auf halber Höhe und dortigem Führungswechsel. Mein Partner sollte die erste Hälfte angehen und ich dann die zweite.
Auf dem Absatz angekommen, befand er dann schicksalhafterweise den dortigen Haken offenbar als nicht optimal für den Zwischenstand und entschied sodann durch kurzen Rückruf, er wolle die zweite Hälfte weitersteigen und vom Gipfelumlenker aus mich nachsichern. So weit kam er leider nicht mehr :(

Nach dem ersten Haken der zweiten Teilstrecke setzte er seinen 5er DMM Dragon für eine zusätzliche Zwischensicherung. Von dort aus sollten es noch etwa 2 Meter bis zum nächsten Haken sein. Doch an dieser Stelle befand sich offensichtlich auch die Crux der Route, eine sehr trittarme, etwas bauchig hängende Wandstelle mit happigen Grifflöchern.
Von unten musste ich beobachten, wie meinen Freund der Mut verließ auf dem Weg zum Haken. Er hängte stark überstreckt die Expresse ein, suchte etwas hektisch halt mit links, griff sein Seil und streckte sich zum Karabiner und… das Seil entglitt ihm und rutschte wieder abwärts. Er sackte zurück, ich sah die Nähmaschine in einem seiner Beine anspringen und hörte seine schnaubende Atmung. Ich zog das Seil wieder auf die nötige Länge und spannte mich konzentriert an, überlegte mir mögliche Strategien. Wieder sah ich seinen Griff zum Seil, er wollte offensichtlich einen weiteren überstreckten Clipversuch starten, seine Kräfte schienen zu schwinden. Ich gab ihm das nötige Seil aus, sah, dass es reichte und versuchte, keinen Millimeter zuviel auszugeben. Er streckte sich zum Karabiner, das Seil berührte praktisch schon den Drahtbügel…
und ich hörte ihn schreien: “MIST!!!!” und mit dem Seil in der Hand rutschte er im selben Moment mit der linken Hand glatt aus seinem Riss an der Wand hinab. Meine Führungshand riss instinktiv das Seil herunter, die Sicherungshand zog nach und blockierte den Tuber, ich sprang einen Schritt zurück und sah ihn hinabsausen. Ich spürte den Fangstoß, setze mich ihm mit Kraft entgegen. Ich wollte ihn lieber etwas ruppig stoppen, als zu spät. Ich sah einen Wimpernschlag lang, wie sein Sturz sich kaum merklich endlich verlangsamte, als nur noch die Seildehnung seine Abwärtsbewegung voranbrachte….
und dann realisierte ich das große Band, dass schon viel zu dicht unter ihm war und sah ihn mit beiden Füßen, noch immer viel zu schnell, auf eben diesem Felsband landen. Es gab einen dumpfen Schlag als würde man einen Ziegelstein auf die Straße fallen lassen und ich konnte meinen Partner die Luft aus den Lungen pusten hören und dann verschwand er auch schon aus meinem Blickfeld, halb fallend, halb hinsetzend zog er am Seil, um zu Boden zu kommen und sich zu setzen, oben auf dem Band. Es war ein endlos erscheinender Moment, bis vom Band herunter schließlich ein einzelner, geradezu panischer Schrei hinabdrang: “FUCK!!!”
Danach sofort wieder Stelle. Ich weiß nicht mehr, ob es mein Atem war, den ich hören konnte, oder seiner.
Ich rief hoch, wie es ihm ginge. Die Frage, ob alles in Ordnung sei, sparte ich mir direkt, denn die Antwort kannte ich eh schon. Es kamen weniger Antworten, als viel mehr kurze Monologe mit ihm selbst als Antwort. Irgendwann der Ruf, ihm Seil zu geben, was ich sofort tat. Anscheinend setzte er sich irgendwo oben besser hin, oder vielleicht legte sich sogar gerade flach hin. Wieder der Ruf um Seil, doch das hatte ich schon gegeben, es hing oben an seinem Ende gespannt, hatte sich leicht verklemmt, doch er hatte es wohl nicht bemerkt. Ich sagte ihm, er habe Seil und sah, wie das verklemmte Ende von irgendwo entheddert und nachgezogen wurde. Ich wollte unbedingt hoch zu ihm. Doch wo sollte ich hoch und wie sollte ich die Sicherung jetzt befestigen? Redete er da oben mit jemandem? War da ein anderer kletterer? Ich glaubte, eine fremde Jacke aufblitzen gesehen zu haben. Aber ich war nicht sicher. Vielleicht lag er am Rand des Bandes und stürzte jeden Moment bewusstlos über die Kante. Irgendwo musste ich das Seil festmachen für den Fall….
doch bevor ich eine Lösung hatte, kam auch schon ein anderer kletterer um die Ecke gehetzt und rief nur: “Dein Kumpel liegt da oben, der braucht Hilfe.” “Ist er da oben gesichert?”, fragte ich sofort. “Ja, kannst Dich ausbinden.” Endlich! Ich rannte dem Unbekannten Helfer nach, einmal ums Kamel herum und den Waldweg hinauf. Von der Rückseite aus durch einen Kamingang hindurch kam ich zu meinem Partner. Er lag flach auf dem Rücken, beide Kletterschuhe bereits ausgezogen und hielt sich mit tränenden Augen den rechten Fuß…

Den weiteren Verlauf kürze ich aus Platzgründen. Ich danke auf jeden Fall den beiden Kletterern, die zur Stelle waren und deren Namen ich nicht mehr erfahren habe. Ich danke ihnen für die Verständigung von Rainer vom Zeltplatz, der kurze Zeit später hinzukam mit einer Trage und helfender Hand und gutem Zuspruch. Auch Dank an den ersten Helfer, der mich anschließend noch gesichert hatte, damit ich das Material meines Freundes von der Wand und in die Rucksäcke bekam. Großer Dank gilt den Rettungssanitätern, die die weitere Versorgung übernahmen, bis der Notarzt eintraf und den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr, die unseren Pechvogel zum Kammweg hinauf trugen und mittels Gelände-Pickup zum Zeltplatz hinabfuhren, wo der Rettungswagen für den Abtransport nach Hameln wartete.

Das Ende vom Lied: Rechtes Fersenbein zertrümmert, linkes Wadenbein vermutlich angeknackst und das linke Sprunggelenk wohl auch zertrümmert. Aktuell liegt mein Freund nun in einem Bremer Krankenhaus, hat ins linke Bein bereits eine Platte mit einer Schraube verschraubt bekommen und wartet auf das Abschwellen der rechten Seite, um dort ebenfalls ein wenig Metall verschraubt zu bekommen. Die nächsten Wochen gibt es für ihn Krankenhauskost und im Anschluss noch ca. ein halbes Jahr Rollstuhlbetrieb. Die Platte im rechten Fuß wird er vermutlich sein Leben lang behalten und ein wenig steif wird das Gelenk auch immer bleiben, so die Ärzte. Damit sind auch zwei Kletterurlaube dieses Jahr gestorben für ihn, wobei er den einen wohl trotzdem wird zahlen müssen.

Seinen 5er DMM Dragon habe ich ihm heute ins Krankenhaus mitgebracht. Er überlegt, sich das Exemplar tätowieren zu lassen. Den Grund kann ich verstehen, immerhin hat er ihm sein Leben zu verdanken. Wäre der Cam ausgebrochen, wäre er vermutlich ungebramst auf das band geknallt, hätte sich vermutlich beide Beine mittendurch gebrochen, die Knie fröhlich zerkloppt, oder womöglich Schäden an der Wirbelsäule genommen. Und im weiteren Abflug vom Band hätt er sich vermutlich noch den Schädel kaputtgehauen, denn seinen Helm hatte er am Sonntag leider zuhause vergessen gehabt. Na mal sehen, wie seine Tattoo-Pläne aussehen, wenn er ein paar Wochen drüber nachgedacht hat.

Ich derweil versuche nun heute nacht mal, wieder etwas Schlaf zu finden. Die letzten beiden Nächte waren alles andere als erholsam. Und ich grüble, was ich hätte anders machen können. Habe ich das Band übersehen? Hätte ich es schaffen können, mittels eines Hechtsprungs nach hinten den Hang zu erreichen und hinabzurutschen, um so das Seil zu verkürzen? Hätte der Dragon das gehalten bzw. der Fels? Oder wäre der Druck dann eh zu groß gewesen und die Sicherung hätte komplett versagt? Ich hatte den fangstoß schon gespürt, es waren vermutlich nur 50cm, vielleicht 1 Meter, der zuviel war und alles hätte glimpflich geendet.

Eigentlich war ja der Plan gewesen, dass ich die zweite Hälfte vorstieg. Hätte ich die Passage besser gemeistert und alles wäre gut gewesen? Oder wäre dann stattdessen ich abgestürzt und läge nun ich mit zwei Brüchen im Krankenhaus? Viele Konjunktive, die letztlich keine Veränderung mehr bringen werden. Nun ist es, wie es ist. Und wir alle müssen wohl mit den Konsequenzen leben.

Es tut mir leid, dass ich nicht mehr getan habe. Ich bin direkt sauer, dass ich komplett unbeschadet aus der Situation herausgekommen bin und Du ganz allein den Schaden nehmen musstest. Ich wünsche Dir gute Besserung :-(

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