Sturz ins Leere: Ein Überlebenskampf in den Anden

Joe Simpsons Bestseller über seinen dramatischen Unfall und anschließenden Kampf ums Überleben und zurück zum Basislager, nachdem er von seinen Freunden schon längst für tot gehalten wurde.
Nachdem ich zuerst den Film gesehen hatte (von dem ich allerdings nicht sonderlich begeistert war), hatte ich mich nun entschlossen, mir die Geschehnisse des Jahres 1985 am Siula Grande in literarischer Form nochmals durch den Kopf gehen zu lassen.
Über die Handlung dürfte der Großteil der Bergsportgemeinschaft bescheid wissen und alle, die es nicht wissen, werden ausreichend Inhaltsangaben im Netz finden können. Das Buch ist schließlich ein Bestseller und offenbar in fast aller Munde, wenn es um spannende und verzweifelte Berichte übers Bergsteigen geht.

Kurz zusammengefasst begeben sich Joe Simpson und Simon Yates 1985 in die Anden, um eine neue Route am 6344m hohen Siula Grande zu erschließen. Bis zum Basislager werden sie außerdem vom Nicht-Bergsteiger Richard Hawking begleitet. Nach einiger Vorbereitungszeit und Beobachtung des Wetters ziehen die beiden Bergsteiger schließlich los und kämpfen sich auf dem Weg zum Gipfel durch immer neue Probleme, von Schneemassen, über Steinschlag bis hin zu logistischen Problemen in Bezug auf die mitgenommene Ausrüstung.
Nach dem Gipfelsieg, bereits auf dem Abstieg, geschieht dann das Unglück: Joe stürzt und bricht sich das rechte Bein und Knie. Aufgrund der Ausrüstungs- und Wettersituation kommt dies einem Todesurteil gleich. Dennoch steht Simon seinem schwer verletzten Partner weiter zur Seite und tut sein Möglichstes, Joe vom Berg zu schaffen. Die Rettungsaktion scheitert nach diversen Querungen und Abseilfahrten durch die stürmische, zunehmende Dunkelheit schließlich, als Joe beim Ablassen über einen Felsvorsprung stürzt und sich außer Stande sieht, irgendwie wieder in Kontakt mit dem Fels zu kommen. Währenddessen wartet Simon über eine Stunde darauf, dass Joe das Seil entlastet. Als ihn die Kräfte schließlich zu verlassen drohen und er immer mehr von Sturm und den Schneemassen aus seiner Standposition gezerrt wird, entschließt sich Simon spontan zum einzigen, ihm noch denkbaren Schritt, dem eigenen Absturz zu entkommen: Er greift das Taschenmesser in seinem Rucksack und schneidet das Seil durch. Joe stürzt ca 30 Meter in die Tiefe in eine Gletscherspalte… und überlebt!
Simon, der seinen Freund auf dem gewissen zu haben glaubt, verbingt die Nacht in einer Schneehöhle und steigt am nächsten Morgen weiter ab, während er offenbar bei jedem Schritt darauf wartet, dass die Berge ihn zur Strafe ebenfalls holen mögen. Da er auf dem Gletscher keine Spur von Simon entdeckt, hält er diesen endgültig für tot und begiebt sich voller Selbstzweifel zurück zum Basislager, wo er mit Richard noch ein paar Tage verbringt, um zu Kräften zu kommen und sich offenbar mit den Geschehnissen abzufinden.
Währenddessen schafft es Joe, trotz seiner Verletzung und seines allgemein kraftlosen Zustands durch Dehydration, Unterkühlung und Erfrierungen, einen Ausweg aus der Gletscherspalte zu finden und tritt den langen Rückweg zum Basislager an. Humpelnd, hüpfund und schließlich kriechend, durchstreift Joe die endlos scheinende Gletscherkulisse und später die Moränen, auf der Suche vor allem nach Wasser. Immer wieder stürzt er äußerst schmerzhaft bei seinem Vorankommen und kämpft mit Erschöpfung und Halluzinationen.
Am Ende schafft es Joe, in stürmischer Nacht bis kurz vor die Zelte. Da er sie selbst in der Dunkelheit nicht sehen kann, ruft er verzweifelt nach Simon. Richard und Simon hören die Rufe und finden den schlimm zugerichteten Joe in der Nähe des Basislagers, in der letzten Nacht vor ihrem geplanten Aufbruch nach Lima.
Der Bericht schließt mit der Zusammenfassung der anstrengenden Rückreise per Esel und dem Beginn der Knieoperation im Krankenhaus in Lima.

Überwiegend empfand ich das Buch nicht so beklemmend. Den Großteil des Anfangs klingelten bei mir immer wieder die Alarmglocken, in welch unvorsichtige Aktionen die beiden sich zu stürzen schienen und nur mit Glück entkamen. Die Beschreibung der Situation (auch der Kälte) erreichte mich derweil weniger. Auch der Beinbruch an sich traf mich zunächst nicht. Was mich dann aber überraschend aus den Angeln hob, war die Beschreibung, wie Joe seine eigene Verletzung schließlich realisierte und den genauen Zustand seines Knies zu ergründen versuchte. In diesem Moment riss es mich selbst fast von den Füßen. In mir stieg ein starkes Gefühl von Übelkeit auf, gepaart mit Schwindel und Hitzewallungen, die mich meinen Schal vom Hals reißen ließen. Ich kannte diese Gefühle in mir. Ich hatte sie bereits mehrere Male erlebt, als ich mir selbst etwas gebrochen hatte. Ich könnte heute nichtmal mehr sagen, was genau an Joe Simspons Worten diese Reaktionen in mir ausgelöst hatte. Ich wusste aber, dass dieser Zustand vermutlich das beklemmenste an all meinen Verletzungen war. Nicht der eigentliche Schmerz der verletzten Stelle, nicht die Umgebung, ind er ich mich befand, sondern dieser Schwindel! Dieser Schwindel und die unerträgliche Hitze in meiner Brust! Nach einigen Minuten tiefen Durchatmens an der kalten Luft kehrte mein Körper glücklicherweise zurück zum Normalbetrieb. Joes weiterer Bericht war derweil teilweise etwas schwer nachvollziehbar, manchmal ging er mir fast zu schnell und ich konnte bei den kurz angerissenen, vielen schnellen Abseilfahrten kaum nachvollziehen, wieviel Zeit und Höhenmeter tatsächlich verstrichen.
Das Hängen über dem Abgrund war dann ein wieder sehr greifbarer Moment, ein Moment der absoluten Fokussierung auf nur diese eine Situation, die Ruhe vor dem Sturm… und dann kam der Schnitt und es ging nochmal rasant abwärts bis in die Gletscherspalte.
Danach dann schließlich der Kampf gegen die Angst in der Spalte, den Joe trotz allem am Ende gewann und mit dem Hinausklettern auf den Gletscher kam es mir wie eine Wiedergeburt vor, wie die Heimkehr eines verloren gelaubten Helden und ich konnte geradezu die Trompeten schallen hören, als Joe den Kopf aus der Spalte emporreckte. Nur leider war nach diesem Moment des Hochgefühls noch ein langer Weg zu beschreiten. Zunächst kam es mir übermäßig gestreckt vor, doch als Simon und Richard den verletzten Joe dann schließlich in der nacht nahe ihrer Zelte fanden, wurde mir klar: Hätte Joe seinen Weg nicht so lang geschildert, hätte ich als Leser nicht soviel Glück empfinden können, als die Schinderei endlich zu einem glücklichen Ende kam.

Dass das Buch ein Bestseller wurde, kann ich verstehen, ist es doch sehr ausführlich, teilweise mitreißend und natürlich ein spannender Bericht. Manches erschien mir zwar zu distanziert für einen Erlebnisbericht, der lange Rückweg war mir derweil etwas zu monoton und teilweise zu abstrakt beschrieben (vielleicht muss ich zum besseren verständnis selbst erstmal richtig dehydriert gewesen sein). Die Passagen aus Simons Sicht waren interessant und wirkten sehr ehrlich.
Ich kann die Debatte der Berggemeinschaft bezüglich des Seildurchschneidens teilweise auch verstehen. Doch auch ich bin der Meinung, dass Simon die Entscheidung sehr spät und spontan getroffen hatte, aus der Not seiner Situation heraus. Mir kam es zumindest vor, als hätte noch längeres Warten in den nächsten Minuten unweigerlich auch zu seinem eigenen Absturz geführt. Eine derartig ausweglose Situation wirklich nachvollziehen zu können, bedarf vermutlich dem eigenen Befinden in einer vergleichbaren Situation.

Der Moment des Absturzes in – Seelig, wer in Träumen stirbt – und einige Momente aus – In eisige Höhen: Das Drama am Mount Everest – haben mich definitiv mehr mitgerissen und die Erzählungen empfand ich als deutlich weniger langatmig und packender, mehr in die Situation der Schreiber hineinversetzender. Dennoch hat mir das Buch von Joe Simpson insgesamt recht gut gefallen und ich überlege mir, einem weiteren seiner Werke noch einen Blick zu widmen.

8000+: Aufbruch in die Todeszone

Ueli Steck war ein neuer Name auf meiner Autorenliste. Doch nachdem er mir in letzter Zeit regelmäßiger unter die Augen getreten war, wollte ich einem seiner Werke mal eine Chance geben. Da ich ein ganzes Buch über Speedklettern wenig verlockend fand, entschied ich mich stattdessen lieber für – 8000+: Aufbruch in die Todeszone -. Außerdem fand ich das Titelbild recht hübsch, da es ja draußen langsam kühler wird :-)

Gleich der Anfang des Buches vermittelte einen guten Eindruck. Steck beschreibt seine letzten Schritte unterhalb des Everest-Gipfels sehr bildhaft und nachvollziehbar bis hin zu seinem Entschluss des Abbruchs, nur hundert Meter unter dem höchstem Punkt der Welt. Ein sehr packender, atmosphärisch stimmiger Anfang, der auf mehr hoffen ließ.

Leider wurde das Buch anschließend etwas träge und sehr knapp in seinen Beschreibungen. Doch was soll man auch anderes erwarten von einem Buch, das auf nur 256 Seiten gleich diverse Achttausenderexpeditionen abhandelt? Ein schneller Zusammenschnitt kurzer, spannender Momente, doch letztlich irgendwie auch nur eine Aneinanderreihung von vberschiedenen Schilderungen von starkem Schneefall, Wind und Nebel. Zwischendrin Erinnerungen an Solounternehmungen, das Wachsen des Charakters des Autors, Ausflüge mit der Freundin bzw. Frau (die Hochzeit wird ebenfalls im Buch erwähnt) und der Verdacht, dass Ueli Steck einen recht profitablen Sponsoringvertrag mit dem Hersteller eines gewissen blau-Silber gelabelten Energy Drinks hat, denn dass selbiges Getränk recht hilfreich zur Seite stand, bemerkte Steck in seinem Buch zwar nur selten, dennoch für meinen Geschmack doch immernoch ein bisschen zu deutlich.

Zum Ende wurde nochmals ein wenig von dem Feeling der Bucheröffnung aufgegriffen, doch der etwas langatmige Mittelteil hatte dennoch bereits seine Spuren bei mir hinterlassen. Eigentlich schade, da der Anfang wirklich Lust auf mehr gemacht hatte. Rückblickend auf den Großteil des Buches fallen mir nun aber kaum mehr Inhalte ein, von einigen spannenden Schlüsselmomenten abgesehen. Vielleicht waren es auch einfach nur zuviele Berge auf zu wenig verfügbaren Seiten, um den Überblick zu behalten und zu wissen, was wann wo passiert war. Ich weiß: Einiges hat geklappt, anderes nicht und Ueli Steck hat nach eigener Meinung inzwischen einen Gang zurückgeschaltet, ist quasi aus seiner Sturm und Drang-Zeit herausgekommen und etwas bedachter geworden.
Naja, zumindest las es sich besser als Kammerlanders rezitiertes Buch und wirkte auch weniger gezwungen unterhaltsam, wenn auch teilweise etwas belanglos. ISBN-13 978-3890294070 und das Ganze findet sich mal wieder bei Malik. Vielleicht lese ich ja noch ein zweites Buch von Ueli Steck und hoffe auf mehr anhaltende Stimmung…

Mount St. Elias: Die längste Skiabfahrt der Welt

Nachdem mich der gleichnamige Film damals so gepackt hatte, habe ich mich nun also entschlossen, noch mehr über dieses Abenteuer in Erfahrung zu bringen. Ich wollte einfach wissen, was der Film vielleicht aus Zeitgründen nicht mehr mitteilen konnte. 239 Seiten später fühle ich mich nicht enttäuscht.

Axel Naglich beschreibt teilweise ziemlich nüchtern und trotzdem nie langweilig, die vielen Schwierigkeiten der durchstandenen Aktion am zweithöchsten Gipfel der USA. Allein was die Logistik, die Vorbereitungen, die Sponsoren und nicht zuletzt das anfangs viel zu große, unorganisierte Team anging, vermittelt das Buch viele Eindrücke, die im Film nichtmal zur Sprache kamen. Auch kann ich mich nicht erinnern, von der Gefährdung des Regisseurs an Bord des Hubschraubers im Film etwas mitbekommen zu haben. Alles Hintergründe, die der ganzen Expedition noch viel mehr Tiefe geben, nachdem man die spektakulären Bilder des Films erlebt hat. Natürlich finden sich auch unglaublich tolle Fotoaufnahmen im Buch, doch was die bewegten Kamerafahrten angeht, da ist verständlich schwer mitzuhalten. Doch das ist ja letztlich auch nicht das Ziel des Buches.

Deutlich noch schlechter als schon im Film, kommt der amerikanische Abfahrtsaspirant des Teams, Jon Johnston, im Buch weg. Wo seine Überforderung mit der Situation im Film eigentlich schon deutlich gezeigt wird, ist im Buch noch lange nicht Schluss. Mehrfach merkt Axel Naglich seine Genervtheit über den Novizen an, der sich wohl vorher keine wirkliche Vorstellung von den Schwierigkeiten gemacht hat. An dieser Stelle vertrete ich aber nur um so mehr die Meinung Naglichs, dass das Gejammere und die Panik Johnstons schlicht und einfach aus Unerfahrenheit und eben Überforderung resultieren und dabei keinerlei konstruktive Hilfe im Team beisteuern, sondern ausschließlich belastend sind und auch in der Situation am Berg keine Möglichkeit bieten, irgendwie aus der Welt geschafft zu werden.

Natürlich frage ich mich, wie bei jeder Handlung in zweierlei medial vorhandener Form, wie die betreffende Geschichte beim Leser/Zuschauer ankommt, der die beiden Medien in der anderen Reihenfolge aufgenommen hat. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob die geschriebene Schilderung spannend genug rüberkommt, ohne die bereits bekannten Filmszenen. Umgekehrt wirkt das Buch, wie schon gesagt, nach den beeindruckendnen Filmbildern, ein wenig schwach in den Bildern. Dennoch bleibt mein Fazit: Wer den Film gesehen hat und nicht genug bekommen kann, der muss einfach das Buch lesen. Dort gibt es viele Hintergründe, die einem sonst entgehen. Und wer zuerst das Buch gelesen hat, der muss einfach den Film sehen, denn ich glaube einfach nicht, dass auch die lebhaftesten Kopfkinos beim Lesen, den tatsächlichen Aufnahmen das Wasser reichen können. Allein die Szenerie der Schneehöhle im Sturm, bei deren Verlassen man sofort die Hand vor Augen nicht mehr sehen kann, ist einfach unbeschreiblich.

National Geographic, ein weiteres Buch mit gelbem Rücken fürs Regal, zu finden unter der ISBN-13: 978-3492404327.
In Gedenken an Peter Ressmann, der den Elias 2007 zusammen mit Axel Naglich erfolgreich bezwungen hat, jedoch drei Jahre später, im Jahr 2010, aufgrund eines fatalen Sicherungsfehlers in der Fischbach-Schlucht in Unken im Pinzgau tödlich abgestürzt ist.

Stoneman

Na gut, doch noch ein Buch von Robert Steiner. Aber eigentlich nur, weil ich wirklich schwer zu grübeln habe, was denn lesenswert sein könnte im Bereich der Alpinliteratur und dabei auch meinen Geschmack trifft. Grundsätzlich mag ich nämlich nicht zu extreme Selbstverherrlichung der Autoren und stundenlange Schilderungen vom Stapfen durch Schnee finde ich auch weniger beeindruckend. OK, letzteres wird mir in den kommenden kalten Monaten wieder besser gefallen, weil draußen in der Kälte so etwas zu lesen zumindest ein wenig tiefer in die Bücher eintauchen lässt.

Doch nun zu Robert Steiners 238 Seiten voller Erlebnisse aus verschiedenen Epochen. Und im Gegensatz zu – Unter Russen – kam dieses Buch deutlich positiver in meinem Kopf weg. Natürlich darf bei Steiners Werken wie gewohnt nicht der Hang zum “ich versuche, mich dramatisch hochtrabend zu ergießen” leidlicherweise auch in diesem Buch nicht ganz fehlen, dennoch blieb es diesmal, von einem Abstecher in den Bereich Selbstreflexion und Kritik an einem eigenen Buch (Selig, wer in Träumen stirbt), recht überschaubar. Viele, abwechslungsreiche Geschichten von Jugendsünden bis Yosemite. Lediglich zwei DInge gibt es von meiner Seite ernstlich zu beanstanden:

1. Wieviele Tippfehler kann ein Korrekturleser auf so verhältnismäßig wenigen Seiten eigentlich überlesen? Zum Ende hin wurde es doch etwas viel.
2. Glaubt Steiner, dass es irgendwie Eindruck macht, wenn man alles und jeden mit irgendeinem berühmten Namen aus dem Germanistikstudium in Kontext bringt? Irgendwann bekam ich echt ein sichtbares Pulsieren am Hals, wenn es wieder in irgendeinem weit hergeholten Zusammenhang etwas ala “war es das, was Nietzsche meinte, als er…” zu lesen gab. Du Heiliger! Jeder hat begriffen, dass Du ganz viel altes Zeugs lesen und analysieren musstest. Und es ist ja auch schön, wenn man derartig reflektiert. Aber bitte bitte nicht in so inflationären Ausmaßen! Da fühlt man sich ja, als säße man weder neben dem Pseudoklugscheißer der eigenen Studienzeit. Dieser Typ, der alles und jeden mit irgendetwas vergleicht, auch wenn es in diesem Moment völlig unangebracht ist, so einen Abstecher zu machen. Auch bei so etwas geht es meiner Meinung nach um TIMING! Wer bei jedem dritten Satz geradezu zwanghaft einen großen Namen wirft, der wirkt auf mich, als brauche er dringend Aufmerksamkeit ubnd die Bestätigung, dass seine Zuhörer ihn für den Klügsten im Raum halten. Und so etwas kenne zumindest ich aus eigener Erfahrung wirklich nur von Leuten, die große Sprüche klopfen und sich in jeder Runde in den Mittelpunkt zu spielen versuchen, selbst wenn ihr Gehabe eigentlich nur bewirkt, dass es etwa der Hälfte der Beteiligten schon regelrecht peinlich ist, zuhören zu müssen, zumal man immer darauf wartet, wann der Redenschwinger sich mal so heftig verzettelt, dass man ihn am liebsten mal eben lautstark korrigieren möchte. Doch das tut man dann doch nicht, sondern schweigt weiter betreten. Denn den Schwafler nun auch noch vor allen bloßstellen, das würde ja auf einen selbst wieder ein schlechtes Licht werfen, also lässt man ihn weiterschwallen und fragt sich, wann der Kerl endlich sein Labermaul hält…

Tschuldigung, das war auch schon die ganze Kritik. Man dürfte gemerkt haben, dass genau der zweite Punkt einen Nerv bei mir trifft ;-) Dennoch ist das Buch, wie ich finde, großstreckig sehr lesenswert, wie nicht anders von einem Panico-Verlagsstück zu erwarten war. Wer noch Platz im Regal und einen Zehner im Geldbeutel übrig hat, der kann ruhig mal die ISBN 978-3936740233 der Sammlung hinzufügen. Stört definitiv (großteils) nicht und bietet auch ein paar hübsche Eindrücke von der Athmosphäre verschiedener Orte unserer faszinierenden Welt.

Climbing Free: In den steilsten Wänden der Welt

Lynn Hill!

Zum ersten Mal hörte ich diesen Namen im Fim – First Ascent – , wo mir in erster Linie der Begriff “Kletterlegende” in Erinnerung geblieben ist. Was soll man von so einem Titel halten, der unter eines Kletterers Namen steht? “Doktor der Neurobiologie” ist ein Titel, “Bestsellerautor” ist auch etwas, worunter ich mir etwas vorstellen kann. Doch was macht eine “Legende” im Klettern aus, dass ihre Bekanntheit dennoch bis dahin nicht an die Ohren eines Kletterfrischlings wie mir gedrungen war? “Reinhold Messner” sagt mir seit meiner Kindheit etwas, schon lange bevor ich wusste, was Klettern für Begriffsdeutungen auweist. Als was gilt dann der Reinhaold? Klettergott? Bergsteigerprophet? Egal, jetzt geht es um Lynn…

Ehrlich gesagt, habe ich mir das Buch zunächst deshalb gekauft, weil ich einfach kein ansprechender klingendes Buch mehr finden konnte und dringend neuen lesebedarf hatte. Ach ja, außerdem wollte ich etwas, dass nicht (nur) von Schnee und Eis handelte. Das hebe ich mir, der Stimmung halber, lieber für die Wintermonate auf. Auch hatte ich etwas Angst vor dem Buch aus der Feder einer Frau. Ja, es tut mir Leid, aber ich habe da schlechte Erfahrungen gemacht. In verschiedenen Genres haben mir Frauenwerke eindrucksvoll gezeigt, dass Frauen und Männer oft sehr unterschiedlich denken (nichts neues). Bei diversen dieser gelesenen Bücher haben mir jedoch einige extrem weibliche Schreibzüge einfach nur Verzweiflung erbracht und mich haufenweise Nerven gekostet. Und bevor jetzt hier jemand Frauenfeindlichkeit zu erkennen meint, bitte ich zu bedenken, dass ich hierbei einfach von persönlichem Geschmack rede und absolut akzeptieren kann, dass die mir nicht schmacklichen Dinge anderen Lesern mit Sicherheit gerade ein Silberstreif solcher Bücher sind. Also genug davon und schnell zurück zu – Climbing Free – .

Und was soll ich da noch sagen? Wenn eine Frau sich in eine (damalige) Männerdomäne begiebt, dort so einige der großen Jungs alt aussehen lässt und schließlich einiges schafft, was eben solche Testosteron-Giganten nie für möglich gehalten hätten, dann war ja zu hoffen, dass sie insgesamt kein “typisches Mädchen” sein dürfte. Nein, Lynn Hill zeigt in ihrem Buch, dass sie sich nicht von den schweren Jungs beeindrucken lässt und wenn einer von denen behaupten zu müssen glaubt, Frauen wären irgendwo im Klettern den Männern unterlegen, holt sie nochmal richtig aus und belehrt sie direkt eines Besseren.

Das Buch hat leicht autobiographischen Charakter und zeigt den langen Weg der Lynn Hill von Kindheitserfahrungen in einer Großfamilie und als Scheidungskind, über den Einzug in die Gruppe der Yosemite-Locals und so manchen Berufsabstecher zur Lebensfinanzierung, bis hin zur Weltspitze im Klettern, der Teilnahme an Rekord- und Wettkampfsendungen und der Zeit, als ihr klar wird, dass die Zeiten des Wettkampfes vorbei sind.

Ich weiß garnicht, was ich aus dem Buch erzählen soll. Ich hatte nach dem Lesen tatsächlich das Gefühl, an einem ganzen Leben teilgehabt zu haben. Natürlich hat es auch die ein oder andere holperige Passage, ist hier und da vielleicht mal etwas langatmig melancholisch und an anderer Stelle dann wieder zu abrupt, doch derartige Stellen sind nach meinem Rückblick eher die Ausnahme. Den größten Teil des Buches war ich gespannt, was Lynn mir noch alles zu berichten hat über die große Eroberungszeit im Freeclimbing. Über die herausstechenden Charaktere ihrer Zeit, deren Aktionen teilweise beeindruckten, teilweise schockierten und deren Lebensumstände (Yabo) manchmal einfach nur zu bedauern waren.

Ich kann das Buch jedenfalls empfehlen, mit 320 Seiten bekommt man da für sein Geld außerdem eine Menge vom MALIK National Geographic-Verlag unter der ISBN 978-3492404020. Und eins ist für mich klar: Gleich das erste Kapitel sollte jedem Kletterkursteilnehmer im Anschluss an seine Kletterscheinprüfung mitgegeben werden, denn ich habe lange kein so klares Statement zum Thema ”Partnercheck” gelesen, wie Lynn Hills Eröffnungskapitel über ihren beinahe tödlichen Absturz auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, weil sie einfach vergessen hat, ihren Knoten zu binden!

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